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Germanische Glaubens-Germeinschaft

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Heidnische Frühjahrsumzüge



Von Allsherjargode Géza von Neményi

Umzüge sind uns von der germanischen Vorzeit an bis in die heutige Zeit vielfach überliefert. Bekannt sind Feldprozessionen zu Ostern, die Umzüge zum Maifest oder zu Fronleichnam, zahlreiche Umzüge im Winter von den Martinsumzügen über die Perchten bis zu den Fasnachtsumzügen.

Der älteste Bericht von einem Kultumzug findet sich in Tacitus „Germania" Kap. 40:

>Auf einer Insel des Weltmeeres ist ein heiliger Hain, in ihm soll ein geweihter Wagen stehen, der mit einem Tuch überdeckt ist. Nur dem Priester ist es erlaubt, ihn zu berühren. Er merkt es, wenn die Göttin [Nerthus, die Mutter Erde] im Heiligtum anwesend ist, und geleitet die auf einem mit Kühen bespannten Wagen Umherfahrende mit großer Ehrfurcht. Froh sind jetzt die Tage, voll Festesfreude die Orte, welche die Göttin ihrer Ankunft und ihres Besuches würdigt. Man zieht nicht in den Krieg, greift nicht zu den Waffen: Weggeschlossen ist alles Eisen. Nur Ruhe und Frieden ist jetzt bekannt, jetzt geliebt, bis derselbe Priester die Göttin, die des Verkehrs mit den Menschen müde ist, in das Heiligtum zurückbringt. Dann werden Fahrzeug und Hülle und, wenn man es glauben will, die Gottheit selbst in einem verborgenen See gewaschen. Dabei bedienen Sklaven, die sofort derselbe See verschlingt. Daher herrscht ein geheimes Grauen, ein heiliges Dunkel, was das für ein Wesen sei, das nur Todgeweihte schauen.<

Man hat die Göttin Nerthus auch mit Isis identifiziert, und da Tacitus (Germania Kap. 9) als Zeichen der Isis eine Barke nennt, wurde der Nerthusumzug mit den Karnevalsumzügen gleichgesetzt. Karneval stammt ursprünglich nämlich von „carrus navalis" d.i. „Schiffswagen", und noch heute gibt es zur Fasnacht (Karneval) Marienumzüge mit Schiffswagen und das Narrenschiff.

Auch das ursprünglich heidnische Lied „Es kommt ein Schiff geladen ..." war einst ein Lied für den Schiffsumzug zur Fasnacht. Str. 2 lautet nach der ältesten erhaltenen Textfassung (HS. des Jungfrauenklosters zu Inskosen, 1470):

>Uf einem stillen wage,
kumpt uns das schiffelin,
es bringt uns riche gabe,
die heren künigin<.

Im 10. Jh. berichtet die Äbtissin Marcsuith vom Kloster Schildesche bei Bielefeld von einem Frühjahrsumzug:

>Am Abend vor der Feier versammelte man sich an heiliger Kultstätte, hielt das Opfermahl, wozu jeder beisteuerte, unter Tanz und Gesang ab und zog am anderen Morgen vor Sonnenaufgang um die Saatfelder in langer Prozession, voran der Priester, in der Mitte die Götterbilder in weißer Umhüllung und am Schlusse die zum Opfer bestimmten Tiere. Unter den heiligen Eichbäumen oder am heiligen Quell machte der Zug halt, der Priester segnete die Feldfrüchte und flehte, gegen Sonnenaufgang das Antlitz gerichtet, die Götter um Schutz und Schirm vor Unwetter, Hagel und Mißwuchs, um Segen für Saat und Vieh an. Bei der Rückkehr wurde das Götterbild an den altheiligen Ort zurückgeführt, in den Tempel oder an heiligen Bäumen aufgehängt oder auf Baumstämmen aufgestellt, das gemeinschaftliche Opfer gebracht und das Opfermahl gehalten. Der Gottheit wurden Tiere geschlachtet, Brot, Eier, Pflanzen und Früchte des Feldes geopfert und Feuer angezündet. Unter dem Singen feierlicher, alter Weisen tanzte man jauchzend um den brennenden Holzstoß, steckte verglimmte Scheite des Opferfeuers gegen Hagel und Blitz in die Felder oder streute Asche darauf.<

Noch etwas jünger ist der „Ögmundar þáttr dytts ok Gunnars helmings", der uns einen Freys-Umzug schildert:

>Dort (in Schweden) fanden in jener Zeit große Opferfeste statt. Seit alters hatte man dort besonders dem Freyr geopfert, und dessen Bild war so verzaubert, daß der Gott [im Original: Teufel] es wagen konnte aus dem Götzenbilde zum Volke zu sprechen. Man hatte aber dem Freyr ein junges Weib von schönem Aussehen zum Dienste gegeben. Es war der Glaube bei dem Volke jenes Landes, daß Freyr noch lebe, wie das aus einigen Anzeichen hervorginge. Sie dachten, er müsse notwendig Verkehr mit seinem Weibe haben. Jene Jungfrau hatte mit Freyr zusammen die ganze Verwaltung des Tempels und des Tempeldienstes in der Hand (...) Sie antwortete (dem Gunnar): "Die Leute haben dich gern. Es ist wohl gut, du bleibst hier noch den Winter über und begleitest Freyr und mich zum Opferschmaus, wenn er auszieht, gute Jahre über das Volk heraufzuführen (...) Die Zeit verging nun, und dann brachen sie zu dem Zuge durch das Land auf. Freyr und sein Weib saßen auf einem Wagen, und die Tempeldiener schritten vor ihnen her [es kommt zum Kampf zwischen Gunnar und Freyr, den Gunnar gewinnt:] Der Gott [im Original: Teufel] war aus dem Götzenbild entwichen, in dem er sich geborgen hatte, und es blieb nur noch ein nichtiger Baumklotz übrig (...) Da zog Gunnar die Gewänder des Götzenbildes an (...) Schließlich kamen sie zu dem Opfermahl, das für sie gerüstet war.<

Auch im angelsächsischen Runenlied zur Ingwaz-Rune, der Rune des Gottes Yngvi-Freyr, wird der kultische Umzug angedeutet:

>Ing war zuerst mit Ost-Dänen
gesehener Sprecher, als er seitdem östlich
Über Wege fortging; Wagen nach rollte;
die Heardinge nannten den Helden.<

Freyr besitzt das Schiff „Skiðblaðnir", welches durch Luft und See fahren kann. Die Vikinger huben zuweilen ihre Schiffe auf Rollen, um schwierige Passagen (Burgen, Stromschnellen) zu Lande zu umgehen. Und in russischen Märchen begegnet uns häufig das Schiff, daß auch durch die Luft „schwimmen" kann, Symbol für Gestirne, die über das Himmelsmeer ziehen. Freyjas Beiname „Mardöll", d.i. „Meererleuchtend", Vorbild für die christliche Ersatzfigur „Maria" (= „die aus dem Meere", vgl. den im Liede vorkommenden Namen Marias, „Meerstern"), geht möglicherweise auf das Himmelsmeer zurück.

Wie Erinnerungen an heilige Umzüge noch in Berliner Sagen weiterleben, sei hier auch kurz aufgezeigt. Die Sage von der „Blanken Helle", einem kleinen heiligen See zwischen Schöneberg und Tempelhof, beginnt so:

>Damals soll am See, im dichten Walde versteckt, ein wendisches Heiligtum gelegen haben. Es gehörte der Göttin Hela. Ein alter Priester lebte dort und brachte auf dem Opferstein der heidnischen Göttin Opfer dar.
Die Göttin Hela soll, so erzählt die Sage, stets für den Priester gesorgt haben. Sie schickte von Zeit zu Zeit zwei schwarze Stiere, die aus dem Wasser stiegen, von dem alten Mann an einen Pflug gespannt wurden und nun einen schmalen Streifen Land umpflügten. Wenn die Tiere mit der Arbeit fertig waren, wurden sie wieder ins Wasser zurückgeführt. Das Wunderbare aber war, daß alsbald aus dem Boden Getreide sproßte. Man konnte sehen, wie es wuchs und an einem Tage groß wurde. Es dauerte nicht lange, dann brachte es Frucht, von welcher der alte Priester immer das Beste auf dem Opferstein darbrachte...<

Bekannt sind die noch zu Fasnacht üblichen Pflugumzüge um das Dorf, wobei der Pflug von Burschen gezogen wird. „Hela" entspricht „Hellia", der nordischen „Hel"; sie ist in dieser Sage noch als ursprüngliche Fruchtbarkeits- und Erdgöttin beschrieben (Frau Holle).

Ähnliche Sagen gibt es vom Berliner „Heiligen See". Angemerkt sei noch, daß zahlreiche Kultwagen erhalten sind, die man für solche Umzüge gebrauchte; auch verkleinerte Nachbildungen von Kultwagen sind erhalten, bekannt sind die Sonnenwagen von Trundholm und von Tågaborg. Und Freyja ist eine Göttin, die einen von Katzen gezogenen Wagen besitzt.

Wie können wir heute einen Kultumzug gestalten?

Wir beginnen den Festkult im Heiligtum wie gewöhnlich. Nachdem die Göttin Freyja angerufen wurde, schreitet ein weißgekleidetes Mädchen als Vertreterin der Göttin in den Kreis. Dann formieren sich alle für den Umzug, der über die Straßen geht. Umzüge religiöser Art müssen nicht angemeldet werden, aber es ist hilfreich, die Polizei zu informieren, damit der Verkehr umgeleitet wird. Voran sollten Lurenbläser schreiten oder andere Musikinstrumente spielen. Auch Rasseln und Trommeln sollten eingesetzt werden, damit es kein Schweigemarsch wird. Statt eines Mädchens als Darstellerin der Göttin, kann auch ein geschnitztes hölzernes Bild herumgetragen werden. Wenn man einen Pferde- oder Ochsenwagen organisieren kann, ist der Umzug noch wirkungsvoller. Am Rande des Zuges sollten Heiden sein, die Informationszettel (Werbezettel) an die Passanten verteilen, auf denen etwas über Umzüge, die Göttin, aber auch die GGG steht.

Der Umzug endet wieder im Heiligtum, wo nun der Kult wie gewöhnlich weitergeht (Opfermahl). Gut ist es auch, wenn die Darstellerin der Göttin Attribute der Göttin bei sich führt, z.B. einen Birkenzweig, eine Handspindel und dergleichen, denn in diesen Dingen ist die Kraft der Göttin enthalten, so daß es den Teilnehmern leichter fällt, die ganze Gestalt mit der Gottheit zu identifizieren.

Einen möglichen Perchtenumzug habe ich schon in „Heidnische Naturreligion" beschrieben. Wir können uns auch an der Durchführung der ursprünglich heidnischen Lucia- (Lichterkönigin-) Umzüge orientieren, die vom schwedischen Fremdenverkehrsamt gestaltet werden, an Rupprechts- Martins- oder Fasnachtsumzügen, die es noch heute gibt.